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    Nichttuberkulöse Mykobakterien (NTM)

    Vorkommen, Risiken und Bedeutung für medizinische Einrichtungen

    Nichttuberkulöse Mykobakterien (NTM) sind weltweit verbreitete Umweltkeime, die in Gewässern, Böden und Staub vorkommen. Obwohl nur ein Teil dieser Bakterien für den Menschen pathogen ist, stellen sie insbesondere in medizinischen Einrichtungen ein relevantes und zunehmendes Gesundheitsrisiko dar.

    Was sind nichttuberkulöse Mykobakterien?

    Nichttuberkulöse Mykobakterien, auch als atypische Mykobakterien oder MOTT (engl. mycobacteria other than tuberculosis) bezeichnet, sind aerobe, nicht sporenbildende Stäbchenbakterien. Charakteristisch ist ihre wachsartige, vergleichsweise undurchlässige Zellwand, die ihnen besondere physikalische und chemische Eigenschaften verleiht. Diese Struktur trägt wesentlich zu ihrer hohen Umweltresistenz bei.

    NTM unterscheiden sich stark hinsichtlich:

    • Virulenz
    • Wachstumsrate
    • Temperatur- und Antibiotikaempfindlichkeit

    Klinisch relevante NTM-Spezies

    Zu den am häufigsten nachgewiesenen humanpathogenen Arten zählen u. a.:

    • Mycobacterium avium und Mycobacterium intracellulare (Mycobacterium avium-Komplex, MAC)
    • Mycobacterium kansasii
    • Mycobacterium xenopi
    • Mycobacterium abscessus

    MAC-Spezies gelten bislang als klinisch bedeutendste Erreger und dominieren über verschiedene Krankheitsbilder und Lokalisationen hinweg.

    Derzeit werden sie in zwei Gruppen eingeteilt: die langsam wachsenden Mykobakterien (slow growing mycobacteria/SGM) und die schnell wachsenden Mykobakterien (rapid growing mycobacteria/RGM).

    Verbreitung und Epidemiologie

    NTM sind ubiquitär in der Umwelt vorhanden und wurden unter anderem nachgewiesen in:

    • natürlichen Gewässern und Böden
    • Trinkwassersystemen
    • Staub und Aerosolen
    • Lebensmitteln wie Käse und Milch
    • Fischbecken
    • Flüssigkeiten zur Metallverarbeitung

    Die Epidemiologie von NTM verändert sich. Klimatische Faktoren wie steigende Temperaturen und erhöhte Luftfeuchtigkeit begünstigen ihre Ausbreitung. Studien aus den USA zeigen, dass in warmen, feuchten Regionen deutlich mehr NTM-Isolate gefunden werden als in kälteren, trockenen Gebieten.

    Bedeutung von Trinkwassersystemen

    Künstlich geschaffene Wassersysteme bieten ideale Bedingungen für das Wachstum von NTM. In medizinischen Einrichtungen können insbesondere folgende Bereiche betroffen sein:

    • Wasserversorgungssysteme
    • Dentaleinheiten
    • Aufbereitung von medizinischen Geräten, u. a. Endoskopen
    • Katheter, Injektionsnadeln, chirurgische Instrumente etc.

    Untersuchungen zeigen, dass ein hoher Anteil der Wassersysteme in Krankenhäusern mit Mykobakterien kontaminiert ist, häufig stärker als in anderen Gebäudetypen.

    Wachstumsfördernde Faktoren und Biofilmbildung

    Folgende Bedingungen begünstigen die Vermehrung von NTM:

    • Stagnationswasser
    • zu niedrige Warmwassertemperaturen
    • Biofilmbildung

    Biofilme dienen den Mikroorganismen zugleich als Nährstoffquelle und Schutzraum. Sie erschweren die vollständige Eliminierung von NTM erheblich.

    Resistenzeigenschaften

    Nichttuberkulöse Mykobakterien sind von Natur aus:

    • resistent gegenüber gängigen Desinfektionsmitteln wie Chlor
    • tolerant gegenüber hohen Temperaturen
    • widerstandsfähig gegen Austrocknung
    • in vielen Fällen unempfindlich gegenüber Antibiotika

    Diese Eigenschaften tragen wesentlich zu ihrer Persistenz in wasserführenden Systemen bei.

    Übertragungswege und Infektionsrisiken

    Die Übertragung erfolgt nahezu ausschließlich über Wasser, vor allem durch die Inhalation kontaminierter Aerosole.

    Besondere Risiken bestehen bei der Aufbereitung medizinischer Instrumente. Nicht nur in der Endoskopie ist mikrobiologisch einwandfreies Spülwasser essenziell.

    Erkrankungen und Symptome

    Die Zahl der NTM-Erkrankungen steigt weltweit kontinuierlich. Während immunkompetente Personen meist nicht erkranken, können Infektionen bei:

    • immungeschwächten und immunsupprimierten Patienten
    • älteren Menschen
    • Kindern
    • Rauchern
    • Personen mit niedrigem Körpergewicht

    schwere Verläufe annehmen.

    Zu den häufigsten Krankheitsbildern zählen:

    • pulmonale Infektionen
    • Haut- und Weichgewebeinfektionen
    • disseminierte Erkrankungen

    Typische Symptome sind Husten, Kurzatmigkeit, Gewichtsverlust, Erschöpfung, Fieber, Hautläsionen und nächtliches Schwitzen.

    Diagnostik und Therapie

    Die Diagnostik von NTM-Infektionen ist anspruchsvoll. Der mikrobiologische Nachweis und die exakte Speziesidentifizierung sind zeitaufwendig und komplex.

    Es existiert keine Standardtherapie. Die Behandlung erfolgt individuell, abhängig von Spezies und Antibiotikaempfindlichkeit, häufig als langwierige Kombinationstherapie. Unbehandelt können NTM-Infektionen tödlich verlaufen.

    Prävention und Infektionskontrolle

    Angesichts der Umweltverbreitung von NTM ist Prävention eine besondere Herausforderung. Experten empfehlen einen koordinierten, mehrstufigen Ansatz:

    • konsequente Händehygiene
    • wirksame Flächendesinfektion
    • endständige oder Inline-Sterilfilter als zusätzliche Barriere

    Ein Multi-Barrieren-System ist derzeit der wirksamste Ansatz zur Reduktion nosokomialer Infektionen durch wasserassoziierte Krankheitserreger.

    Die Händehygiene und Flächendesinfektion liegen in Ihrer Verantwortung. Bei der Minimierung wasserbedingter Risiken unterstützen wir Sie mit Sterilfiltern – endständig oder als Inline-Lösung.

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    Ihre Lerneinheit zu NTM-Bakterien

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    Wir haben für Sie in dieser Animation wissenswerte Informationen rund um nichttuberkulöse Mykobakterien anschaulich und kurzweilig verpackt.

    Unser NTM-Film, der Wissen schafft
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